Betritt man das Liborianum durch den Haupteingang, geht den ehemaligen Kreuzgang entlang und das erste Treppenhaus hinauf, so befindet man sich vor unserem Crescimus-Fenster. Wenn das Haus gut besucht ist und die vielen Bildungs- und Tagungsgäste, Übernachtungsgäste und Mitarbeitenden durch die Gänge eilen, kann es vorkommen, dass man das Fenster kaum wahrnimmt. Wir möchten Sie in der Reihe Hidden Places auf besondere Orte im Liborianum aufmerksam machen und starten mit dem spannenden Fenster im ersten Obergeschoss des Bildungs- und Tagungshauses.
Das vierteilige Fenster setzt sich aus vielen kleinen Butzenscheiben zusammen, welche mit Blei eingefasst wurden. In den zwei unteren Teilen werden die Butzenscheiben von bunten Flächen unterbrochen. Es sind Glasmalereien, die Wappen, Bilder und Schriftzüge zeigen. Im linken Bereich befindet sich das Wappen von Lorenz Kardinal Jäger. Er war von 1941 bis 1973 Erzbischof von Paderborn. Die mehrteilige Fläche setzt sich oben aus dem Wappen des Erzbistums Paderborn (links) und dem Christusmonogramm (rechts) zusammen. Unten befinden sich ein Fächer aus Pfauenfedern als Symbol für den hl. Liborius, der Bistumspatron Paderborns ist (links) und ein Feld, in dem ein rotes Ankerkreuz zu sehen ist, welches darauf hinweist, dass die Fürstbischöfe von Paderborn früher Grafen von Pyrmont waren (rechts). Gesäumt wird die farbige Fläche von dem Wahlspruch Lorenz Kardinal Jägers: VITA ET PAX (lat.: Leben und Frieden).
Der rechte Bereich des Bleiglasfensters zeigt ein mehrteiliges Bild. Es setzt sich zusammen aus einer orange leuchtenden Sonne, deren Strahlen fächerförmig nach unten und zur Seite ausgerichtet sind. In sehr feinen Linien werden sie im mittleren Teil des Bildes fortgeführt, den Bildmittelpunkt bildet jedoch ein noch junger Baum, der erste grüne Blätter trägt. Er wächst aus dem unteren Teil des Bildes aus der braunen Erde, welche von grünen Farbflächen bedeckt wird. Auch diese Glasmalerei wird von einem Schriftzug gesäumt: CRESCIMUS (lat.: wir wachsen).
Das Fenster stammt aus der Zeit, als das Liborianum ein Knabenseminar war. Mit Unterbrechungen im Kulturkampf und im Zweiten Weltkrieg diente das Klostergebäude lange Zeit – von 1846 bis 1979 – als Jungen-Internat des Erzbistums. Das Wappen Lorenz Kardinal Jägers deutet darauf hin, dass das Fenster in seiner Amtszeit als Erzbischof entstand. Wahrscheinlich ist eine Fertigung und Anbringung nach 1945, da das ehemalige Kapuzinerkloster während des Zweiten Weltkriegs im März 1945 stark zerstört wurde.
Wir wachsen – der Leitspruch des Knabenseminars wies die jungen Schüler jeden Tag auf ihren physischen und geistigen Wachstumsprozess hin, welcher im Bischöflichen Knabenseminar gefördert werden sollte. Die Motive der Sonne und des wachsenden Baumes können außerdem an die Menschwerdung Gottes in Jesus, dem „aufstrahlende[n] Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78) und dem „jungen Trieb“ aus dem „Baumstumpf Isais“ (Jes 11,1) erinnern, so der ehemalige Direktor des Liborianums Stephan Winzek.
Kurz vor seinem Ruhestand formulierte Stephan Winzek im Weihnachtsgruß von 2018: „Ich wünsche dem Liborianum, dass es auch in Zukunft ein Ort des Wachsens ist, ein Haus, in dem Menschen durch Begegnung, durch gemeinsames Lernen und Arbeiten wachsen können, manchmal vielleicht sogar über sich selbst hinaus.“ Das Zitat zeigt deutlich, dass das so genannte Crescimus-Fenster bis heute nicht an Bedeutung und Aktualität verloren hat. Vielleicht nehmen auch Sie das Fenster bei Ihrem nächsten Besuch im Liborianum ganz neu wahr.
Ein Text von Linda Michalke